Die unterschätzte Gefahr: Herabfallende Ware im Lager
Die Zahlen sind alarmierend: 19.802 Arbeitsunfälle durch herabfallende Gegenstände zählte die DGUV allein im Jahr 2023 — 29 davon endeten tödlich. Weitere 15.240 Unfälle standen in direktem Zusammenhang mit Regalsystemen und Paletten. Hinter jeder Zahl steckt ein Mensch, der verletzt wurde, weil Ladungssicherung im Regal nicht ernst genommen wurde.
Rechtlicher Rahmen: Was der Gesetzgeber fordert
DGUV Information 208-061 (seit Juli 2024)
Die neue DGUV Information 208-061 ersetzt die bisherige DGUV Regel 108-007 und formuliert klar: „Lagereinrichtungen und Ladungsträger müssen so beladen werden, dass Lagergut nicht heraus- oder herabfallen kann." Sie umfasst Bau, Betrieb, Prüfung und Instandhaltung von Lagereinrichtungen.
BetrSichV — Betriebssicherheitsverordnung
Regale gelten als Arbeitsmittel nach BetrSichV. Daraus ergibt sich die Pflicht zur jährlichen Inspektion durch eine befähigte Person (§10 BetrSichV) sowie eine lückenlose Dokumentation.
Arbeitsschutzgesetz §5 — Gefährdungsbeurteilung
Jeder Arbeitgeber muss alle Gefährdungen im Lager systematisch erfassen und daraus technische, organisatorische und personelle Schutzmaßnahmen ableiten.
Die Physik der Sicherung: Formschluss vs. Kraftschluss
Formschluss — Die Ware hat keinen Raum zum Bewegen
Wie ein randvolles Bücherregal: Jedes Stück stützt das nächste. Im Industrieregal erreicht man Formschluss durch:
- Palettenanschläge: Vordere Begrenzung auf dem Traversenpaar
- Durchschubsicherungen: Verhindern das Durchschieben von Paletten auf die Gegenseite
- Gitterrückwände: Vollständige rückseitige Absicherung
- Seitenführungen: Begrenzen seitliches Verrutschen
Kraftschluss — Reibung und Pressdruck halten die Ware
Die Ladung wird auf die Auflagefläche gepresst, was die Reibung erhöht:
- Stretchfolie: Spiralförmig wickeln, mind. 50 % Überlappung, Palettenfuß mit einwickeln
- Umreifungsbänder: Horizontale Sicherung gegen seitliches Ausbrechen
- Antirutschmatten: Zwischen Palette und unterster Lage
- Zurrgurte: Für schwere, sperrige Güter
Praxis-Standard: Kombination
Die beste Sicherung kombiniert beide Prinzipien: Paletten lückenlos im Regal positioniert (Formschluss) plus korrekt gefoliete Ladeeinheiten (Kraftschluss).
Technische Lösungen für Ihr Regal
Durchschubsicherung — Pflicht bei Doppelregalen
Wenn Regale Rücken an Rücken stehen (Doppelregale), können Paletten beim Einlagern nach hinten durchgeschoben werden und auf der Gegenseite herausfallen. Durchschubsicherungen aus Rohren oder Gitterelementen verhindern das zuverlässig. Typische Breiten: 190, 270 oder 360 cm.
Sicherheitsnetze — Flexibel und kosteneffizient
Regalsicherungsnetze aus reißfestem Polypropylen sichern offene Regalseiten wie ein Gitter. Standardspezifikation:
- Schwere Güter: 5 mm Maschenstärke
- Leichtere Waren: 3 mm Maschenstärke
- Maschenweite: 45 mm (Sicherheitsstandard)
- Norm: DIN EN 1263 (Auffangnetze)
Anfahrschutz — Die erste Verteidigungslinie
Staplerkolisionen sind die häufigste Ursache für strukturelle Regalschäden. Beschädigte Stützen können zeitverzögert versagen — Stunden oder Tage nach dem Anfahren. Vorschriften:
- Mindesthöhe 40 cm (DIN EN 15512)
- Nicht am Regal befestigt, sondern eigenständig im Boden verankert
- Gelb-schwarze Warnmarkierung (DGUV)
Richtig palettieren: Die Basis der Ladungssicherung
- Schwer unten, leicht oben — Schwerpunkt möglichst niedrig halten
- Gleichmäßige Gewichtsverteilung auf der Palettenfläche
- Verband packen: Lagen versetzt stapeln (Mauerwerksverband) für Verbundwirkung
- Palettenrand nicht überragen — max. 1 cm Überstand, sonst Kippgefahr
- Keine beschädigten Paletten verwenden — gebrochene Kufen = Absturzrisiko
- Stretchfolie korrekt wickeln: Von unten nach oben, Palettenfuß einwickeln, mind. 50 % Überlappung
Unterweisungspflicht: Was Ihre Mitarbeiter wissen müssen
Nach §12 Arbeitsschutzgesetz muss jeder Arbeitgeber seine Beschäftigten ausreichend unterweisen — bei Einstellung, bei Änderungen und mindestens jährlich. Inhalte der Lagerunterweisung:
- Maximale Fach- und Feldlasten der Regalanlage
- Richtiges Ein- und Auslagern (mittig, nicht schieben, nicht werfen)
- Erkennen und Melden von Regalschäden
- Korrekte Palettierung und Ladungssicherung
- Verhalten bei Schäden und Unfällen
Ergänzend fordert die DIN EN 15635 wöchentliche Sichtkontrollen durch geschultes Lagerpersonal.
Wenn es schiefgeht: Unfallbeispiele aus der Praxis
Der Domino-Effekt
Ein Gabelstapler berührt eine Regalstütze bei der Einlagerung minimal. Die erste Regalzeile kippt und reißt benachbarte Regale mit — rund 50 Meter Regalreihe kollabieren. Prävention: Anfahrschutz an allen exponierten Stützen, ausreichende Gangbreiten.
Zeitverzögertes Versagen
Eine Regalstütze wird durch einen Stapler angefahren, der Schaden nicht gemeldet. Stunden später bricht die vorgeschädigte Stütze unter Last — das Regal stürzt ein. Prävention: Schadensmeldepflicht, wöchentliche Sichtkontrollen, Schadenskennzeichnung nach dem Ampelsystem (DIN EN 15635).
Checkliste: Die 5 Säulen der Regalsicherheit
| Säule | Maßnahmen |
|---|---|
| Technik | Durchschubsicherung, Gitter, Netze, Anfahrschutz, Palettenanschlag |
| Organisation | Gefährdungsbeurteilung, Prüfintervalle, Belastungskennzeichnung |
| Person | Unterweisung, Schulung, Sichtkontrollen durch Mitarbeiter |
| Prüfung | Wöchentlich Sichtkontrolle + jährlich Experteninspektion |
| Palettierung | Korrekte Ladeeinheiten, Stretchfolie, keine beschädigten Paletten |
Fazit: Ladungssicherung ist kein Nice-to-have
Die Kombination aus technischen Sicherungen, organisatorischen Maßnahmen und geschultem Personal macht den Unterschied zwischen einem sicheren und einem gefährlichen Lager. Die Investition in Durchschubsicherungen, Netze und regelmäßige Prüfungen ist verschwindend gering im Vergleich zu den Kosten eines einzigen schweren Arbeitsunfalls — von der menschlichen Tragödie ganz zu schweigen.